Paris, Regentag: Caillebottes Straßenkreuzung von 1877
Gustave Caillebotte malte 1877 eine Kreuzung im neu gebauten Paris des Baron Haussmann, auf der der Regen nur an Schirmen und Spiegelungen abzulesen ist. Der Text folgt dem Gemälde vom Ort über die Entstehung bis in das Art Institute of Chicago.

- Künstler
- Gustave Caillebotte (1848-1894)
- Titel
- Paris, Regentag (Art Institute of Chicago: "Paris Street; Rainy Day")
- Datierung
- 1877
- Technik
- Gemälde auf Leinwand
- Maße
- 212,2 x 276,2 cm
- Sammlung
- Art Institute of Chicago, Charles H. and Mary F. S. Worcester Collection, Inv.-Nr. 1964.336
Ein neu gebautes Viertel
Als Gustave Caillebotte 1877 sein Gemälde schuf, gab es das Paris seiner Jugend nicht mehr. Nach Angabe des Art Institute of Chicago wuchs er in der Nähe eines Viertels auf, das einst ein kaum bebauter Hügel mit engen, gewundenen Straßen war. Unter Baron Haussmann, im Auftrag Napoleons III., wurde es neu gebaut; mittelalterliche Straßen wichen breiten Boulevards.
Wie das alte Paris aussah, hielt Charles Marville fest, der ab 1862 offizieller Fotograf der Stadt war und die ältesten Viertel vor ihrem geplanten Abriss aufnahm. Die Familie Caillebotte wohnte 1877 in der Rue de Miromesnil 77, die Kreuzung des Bildes lag nach dem AIC-Essay nur wenige Häuserblocks entfernt.

Eine Kreuzung ohne Namen
Das Bild zeigt die Kreuzung der Rue de Moscou, der Rue de Turin, der Rue de Saint-Pétersbourg und der Rue Clapeyron, nach Angabe des Museums wenige Minuten vom Bahnhof Saint-Lazare entfernt. Stadtbilder entstanden zu dieser Zeit selten außerhalb der vertrauten Viertel ihrer Maler.
Der Ort war lange nicht genau benannt. Die Kreuzung blieb nach dem AIC-Essay bis 1878 weitgehend undefiniert; inoffiziell hieß sie "carrefour de la rue de Moscou". Offiziell heißt sie heute Place de Dublin, nach dem Essay seit 1987. Entsprechend wechselte der Titel des Bildes. 1877 hing es in der dritten Impressionisten-Ausstellung im April als "Rue de Paris; Temps de pluie", ein Titel, der das Anonyme betont. Zeitgenössische Kritiker erkannten den Ort trotzdem. Später wurde das Bild irrtümlich als "Umbrellas in the Place de l'Europe on a Rainy Day" geführt, bis das Museum 1991 den heutigen Titel "Paris Street; Rainy Day" übernahm.

Schirme, Mode und Regen ohne Tropfen
Die Kleidung der Figuren ist hochmodern, der einklappbare Schirm war nach Angabe des Museums gerade erst erfunden. Caillebotte malte keine einzelnen Regentropfen. Das Wetter zeigen die Schirme und das Spiegeln auf dem nassen Pflaster, im AIC-Essay als blaugraue Reflexe beschrieben. Die Schirme sind einander beinahe gleich und stammen vermutlich aus Kaufhäusern; manche Zeitgenossen fürchteten einen Verlust des individuellen Charakters. Nach dem Essay halten die großen Schirme die Komposition zusammen.
Im Vordergrund geht ein bürgerliches Paar unter einem Schirm auf den Betrachter zu. Beide schauen aus dem Bild heraus; etwas außerhalb des Rahmens scheint ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Menschen in Bewegung stellten Maler nach Angabe des Museums selten dar. Der Essay zählt mindestens vierundzwanzig weitere Figuren, verschiedener Schichten, darunter vielleicht Straßenhändler. Sie sind, so das Museum, sorgfältig platziert.

Vom Blatt zur Leinwand
Caillebotte malte das Bild nicht aus dem Kopf. Das Art Institute besitzt eine Studie, die offenbar frei vor Ort skizziert und im Atelier mit Lineal und Zirkel regularisiert wurde. Das Bild könnte nach Angabe des Museums von der Fotografie inspiriert sein. Der Essay hält zudem eine Camera lucida für wahrscheinlich, ohne dass ein schriftlicher Beleg vorläge.
Für die Vergrößerung auf die Leinwand sprechen Einstiche, die auf einen Teilungszirkel deuten, und eine Vergrößerung um etwa das Siebenfache; die Infrarotaufnahme zeigt die Einstiche auf der Leinwand. Eine Ölskizze besitzt das Musée Marmottan Monet. Auf der Leinwand selbst gab es viele Änderungen: Die Gesamthöhe der Szene wurde um etwa 17 Prozent erhöht, das Pflaster verzerrt, das Café-Gebäude nach rechts verschoben und eine große Rückenfigur ergänzt. Bei einem Versuch auf der Rue de Turin im März 2015 stellte man fest, dass der Standpunkt der Skizze etwa 50 Zoll (rund 1,27 Meter) über dem Boden liegt. Nach einer Reinigung zeigte sich eine hellere Palette mit zitronengelben und zart lavendelfarbenen Tönen; das Datum der Reinigung nennt der Essay nicht.

Urteile und Nachleben
Der Kritiker Gaston Vassy nannte Caillebotte sinngemäß einen Millionär, der in seiner Freizeit malt. Georges Rivière verteidigte das Bild und erinnerte sinngemäß daran, wie schwierig die Aufgabe war. Paul Sébillot sah darin eine Vorstellung von dem, was die Fotografie werden würde. Alle drei Urteile stehen in den Anmerkungen des AIC-Essays.
1879 zog Caillebotte an den Boulevard Haussmann. Eine Figurenszene dieses Maßstabs malte er nach dem Essay nie wieder.

Vom Familienbesitz nach Chicago
Caillebotte erbte 1874 ein Vermögen, organisierte und finanzierte Ausstellungen der Impressionisten und kaufte mehr als siebzig Werke seiner Freunde. In seinem Testament von 1876 bestimmte er die Sammlung für den französischen Staat. Nach seinem Tod 1894 nahm der Staat sie nach Angabe von Britannica nur widerwillig an; im Februar 1897 öffnete im Luxembourg-Museum ein Caillebotte-Saal. Sein eigenes Hauptwerk gehörte nicht zum Vermächtnis. Es ging durch Erbfolge an seinen Bruder Martial.
1954 verkaufte die Familie es nach der Provenienz des Museums an Walter P. Chrysler Jr. in New York. 1964 erwarb das Art Institute of Chicago es für die Charles H. and Mary F. S. Worcester Collection. Es wurde nach Angabe des Museums erworben, lange bevor die Beiträge des Künstlers allgemein anerkannt waren.
- Art Institute of Chicago, Paris Street; Rainy Day, 1964.336 (artic.edu/artworks/20684 und API)
- Art Institute of Chicago, A Plethora of Umbrellas (artic.edu/articles/386)
- Art Institute of Chicago, Study for Paris Street; Rainy Day (artic.edu/artworks/210484)
- Art Institute of Chicago, Caillebotte Paintings and Drawings at the Art Institute of Chicago (Groom und Keegan)
- The Met, Charles Marville: Photographer of Paris (2014), und Impressionism, Fashion, and Modernity
- Musée d'Orsay, Le legs Caillebotte, une affaire délicate (A. Distel)
- SMB Alte Nationalgalerie, Caillebotte: Painter and Patron of Impressionism (2019)
- Encyclopaedia Britannica, Gustave Caillebotte