Unter der Welle vor Kanagawa: Hokusais Blatt aus Edo
Um 1830 bis 1832 entsteht in Edo ein Farbholzschnitt, der Wellenkamm und Fuji in einem Bild vereint. Katsushika Hokusais Große Welle gehört zu einer Serie, deren neues Blau eine Vorgeschichte in Berlin hat.

- Künstler
- Katsushika Hokusai (1760 bis 1849)
- Titel
- Kanagawa oki nami ura (Under the Wave off Kanagawa), auch The Great Wave
- Serie
- Fugaku sanjūrokkei, Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji
- Datierung
- um 1830 bis 1832 (Metropolitan Museum), 1830/33 (Art Institute of Chicago)
- Technik
- Farbholzschnitt
- Verlag
- Eijudō (Nishimura-ya Yohachi), Edo
- Sammlung
- The Metropolitan Museum of Art, New York (Rogers Fund, 1914); Art Institute of Chicago, 1925.3245
Ein Titel und eine Serie
Der japanische Titel lautet in lateinischer Umschrift „Kanagawa oki nami ura“. Das Metropolitan Museum of Art übersetzt ihn als „Under the Wave off Kanagawa“, auf Deutsch etwa „Unter der Welle vor Kanagawa“, und nennt das Blatt außerdem „The Great Wave“, Die Große Welle. Es gehört zur Serie „Fugaku sanjūrokkei“, den Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji. Links oben auf dem Blatt steht eine schmale Kartusche mit dem Serien- und dem Bildtitel.
Zum Neujahr 1831 kündigt der Verlag Eijudō in Edo die Serie an; als Verleger nennt das Art Institute of Chicago Nishimura-ya Yohachi. Zunächst erscheinen sechsunddreißig Blätter. Weil die Serie so beliebt ist, kommen zehn weitere hinzu, der Titel bleibt trotzdem unverändert. Die Große Welle ist damit eines von insgesamt 46 Blättern. Man erkennt die zehn Zusatzblätter an ihren schwarzen Umrissen, bei frühen Abzügen der ersten 36 sind die Linien sogar blau gedruckt. Wann genau die zehn entstanden, wird unterschiedlich datiert.

Der Maler mit siebzig
Katsushika Hokusai wird 1760 in Edo, dem heutigen Tokio, geboren und stirbt 1849. Nach Angabe des Art Institute of Chicago war er 70 Jahre alt, als er 1830 die Serie begann; ob dabei die ostasiatische Zählweise gilt, ist in den Quellenblättern nicht geprüft.
Der Fuji erscheint laut dem Art Institute in jeder Szene der Serie, aus der Ferne und aus der Nähe, bei jedem Wetter, in jeder Jahreszeit und aus allen Richtungen. Die Serie machte den Landschaftsholzschnitt beliebt, mit dem damals neuen, erschwinglichen Berliner Blau für Himmel und Wasser. Als Inschrift verzeichnet das Institut die Signatur „Hokusai aratame Iitsu fude“.
Welle und Boote
Das Bild zeigt eine riesige blaue Welle mit Schaumkrallen, darunter Boote, in der Ferne den kleinen Berg Fuji. Nach dem Essay des Metropolitan Museum bricht die Welle über das linke von zwei Booten. Die übrigen Beschreibungen, etwa die krallenartigen Schaumspitzen am Kamm, die tiefblauen Streifen und die weißen Tropfen im Wind, sind Beobachtungen am Bild und keine Aussagen eines Museums.

Der kleine Berg
Das Metropolitan Museum beschreibt im Katalogtext den Fuji als kleines dreieckiges Gebilde in der Höhlung der Welle. Im Blatt erscheint er klein und weiß vor dunklem Horizont, zwischen zwei Wellen und einem Boot.
Die Welle ist von unten gesehen; der Betrachter steht gewissermaßen auf der Seite der Boote. Auch das ist eine Beobachtung am Bild, keine Museumsaussage.

Ein Blau aus Berlin, viele Hände
Das neue Blau ist Berliner Blau, eines der ersten künstlich hergestellten Pigmente. Es entsteht um 1706 in Berlin aus einem Versehen: Der Überlieferung nach wollte der Farbenmacher Johann Jacob Diesbach roten Lack herstellen und erhielt durch einen Fehler Blau. Eine Berliner Chronik von etwa 1730 nennt Diesbach als Erfinder, sein Geschäftspartner Frisch vertrieb das Blau. Diesbach, ein Schweizer Farbenmacher, ist von 1701 bis 1716 in Berlin belegt; ein Porträt ist nicht bekannt. Im Japanischen heißt die Farbe Bero-ai.
Das Metropolitan Museum hat ein Exemplar der Großen Welle naturwissenschaftlich untersucht (Essay von Marco Leona, 2020). Das Ergebnis: Die Drucker ersetzten Indigo nicht einfach durch Berliner Blau, sondern mischten beide Pigmente für eine kräftige Kontur. Zuerst kamen dunkle senkrechte Streifen, dann reines Berliner Blau in den Lücken, so in der Höhlung der Welle. Ein 3D-Scan zeigt drei Höhen: Das weiße Papier liegt am höchsten, das einmal gedruckte Mittelblau tiefer, das zweimal gedruckte Dunkelblau am tiefsten. Das Papier wird beim Druck in den Block gepresst, der Doppeldruck verstärkt das Relief.
Am Druck waren laut dem Essay mehr Hände beteiligt als nur Hokusai: anonyme Druckmeister und Holzschneider des Verlags Eijudō prägten das Aussehen des Blatts mit. Namen sind nicht bekannt, Hokusais Name ist der einzige bekannte. Das Exemplar des Metropolitan Museum ist vermutlich einer der frühesten Abzüge.

Nachleben
Die Erstausgabe von Claude Debussys La mer (Paris, 1905) zeigt auf dem Umschlag eine Welle aus einem japanischen Holzschnitt, umgezeichnet in Grau und Grün. Der Umschlag zeigt im Wesentlichen die linke Hälfte von Hokusais Großer Welle, der Fuji fehlt. Laut dem Metropolitan Museum hing in Debussys Atelier ein gerahmter Druck des Blatts.
Weitere Bezüge nennen die Quellenblätter: Van Gogh geht 1888 in einem Brief an seinen Bruder auf Wellen als Krallen ein, Camille Claudel zeigt 1897 im Salon die Gipsfassung ihrer Skulptur La Vague, später in Onyx. Seit dem 3. Juli 2024 steht Hokusais Welle auf der Rückseite der neuen 1000-Yen-Note.

- The Metropolitan Museum of Art, Essay zur Großen Welle (Marco Leona, 2020), metmuseum.org/essays/hokusai-great-wave
- The Metropolitan Museum of Art, Objektseite metmuseum.org/art/collection/search/45434 (Titel, Übersetzung, Serie, Katalogtext)
- The Metropolitan Museum of Art, Open-Access-Objekt 36491 (JP10, Rogers Fund, 1914), Bildquelle und Lizenzstatus über die Met-API
- Art Institute of Chicago, artic.edu/artworks/24645 (1925.3245), Altersangabe, Inschriften, Fuji-Serie
- Schweizerisches Nationalmuseum, Blog 2026 (Diesbach und Frisch)
- Berliner Chronik von etwa 1730 (Zuschreibung an Diesbach, wie in den Quellenblättern zitiert)
- Sibley Music Library, Eastman School of Music, University of Rochester, esm.rochester.edu/sibley/?p=7962 (Umschlag La mer, 1905)
- Metropolitan Museum of Art, Artikel von 2014 (Cirigliano) zu Debussy und der Großen Welle
- Bärenreiter (Debussy, La mer), laut Quellenblatt
- Wikipedia, Tabelle der Blätter der Serie (nur zur Zuordnung einzelner Zusatzblätter)