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Ein Teich ohne Ufer: Monets Seerosen von 1906

Claude Monet legte seinen Teich in Giverny an, um ihn zu malen. Das Chicagoer Bild von 1906 zeigt davon nur noch die Wasserfläche, ohne Brücke, ohne Ufer und ohne Himmel.

Seerosen im goldenen Rahmen
Künstler
Claude Monet
Titel
Seerosen (AIC-Titel: Water Lilies)
Datierung
1906
Technik
Farbe auf Leinen mit heller Grundierung in zwei Schichten, keine Unterzeichnung
Maße
89,9 x 94,1 cm
Signatur
signiert und datiert 1906
Sammlung
Art Institute of Chicago, Mr. and Mrs. Martin A. Ryerson Collection, Inv. 1933.1157

Ein Garten als Motiv

Claude Monet wohnte seit 1883 in Giverny zur Miete, als er im Februar 1893 neben seinem Garten, jenseits der Bahnlinie, ein sumpfiges Grundstück von 1268 Quadratmetern erwarb. In seinem Antrag an den Präfekten des Eure nannte er als Zweck die Freude des Auges und das Motiv zum Malen. Geplant war ein Wassergarten mit einer Brücke. Dafür musste ein Wasserlauf umgeleitet werden, der Ru, ein Seitenarm der Epte; beantragt wurden zwei Brücken. Die Nachbarn fürchteten, die fremden Wasserpflanzen könnten flussabwärts überwuchern.

Im Juli 1893 genehmigten die Behörden den Plan, und innerhalb weniger Monate entstand ein Teich von etwa 1000 Quadratmetern. Die Seerosen kamen von Latour-Marliac. Spätestens im Oktober 1893 stand die Brücke im japanischen Stil; sie wurde grün gestrichen statt in dem in Japan üblichen Rot und erhielt später ein Gitter für Glyzinien. Zur Bepflanzung gehörten Bambus, Ginkgo, Ahorn, Strauchpfingstrosen und Trauerweiden, und ein Gärtner arbeitete ganztägig im Garten. Die Seerosen habe er, so Monets eigene Aussage, nach einem Katalog gewählt.

Ausschnitt aus Monets „Water Lily Pond“ von 1900 (Art Institute of Chicago, 1933.441): die grüne Brücke über dem Teich, davor Seerosen und Schilf.
Ausschnitt aus Monets „Water Lily Pond“ von 1900 (Art Institute of Chicago, 1933.441): die grüne Brücke über dem Teich, davor Seerosen und Schilf.

Vom Teich mit Brücke zum Bild ohne Ufer

1899 und 1900 malte Monet 18 Ansichten von Teich und Brücke, mit Ufer und Horizont. 1901 kaufte er Land, um den Teich zu vergrößern. Nach dem Umbau begann 1903 die Seerosenreihe, die bis 1908 reicht. In ihr entfallen Brücke, Ufer, Horizont und Himmel.

Das Chicagoer Bild von 1906 misst 89,9 x 94,1 cm und ist damit fast quadratisch, ein Format, das auch das Gemälde von 1900 hat. Die Seerosen sind auf zwei Bereiche konzentriert: ein Feld aus Blättern oben rechts und eine dichtere Gruppe unten links. Zwischen beiden zieht sich ein diagonales Band aus freiem Wasser, in dem sich nach Angabe des Museums Bäume und Wolken spiegeln; der Himmel erscheint nur als Spiegelung. Einzelne rosa Blüten setzen Akzente, im Übrigen bestimmen Blau, Grün und Violett das Bild.

Das Gemälde von 1906 als Ganzes: fast quadratisch, ohne Himmel, Ufer und Brücke.
Das Gemälde von 1906 als Ganzes: fast quadratisch, ohne Himmel, Ufer und Brücke.

Wasser statt Blumen

Der Titel nennt die Blumen, doch Monet soll etwas anderes für das eigentliche Thema gehalten haben. In einem nach seinem Tod veröffentlichten Interview, dessen Datum und Interviewer der Katalog nicht nennt, habe er sinngemäß gesagt, die Seerosen seien nur die Begleitung; das Thema sei der Spiegel des Wassers mit seinen wechselnden Reflexen. Im August 1908 schrieb er an den Kritiker Gustave Geffroy, diese Landschaften aus Wasser und Spiegelungen seien ihm zur Besessenheit geworden (sinngemäße Wiedergabe nach der englischen Übersetzung im Katalog). Der Kunsthistoriker Paul Tucker sieht in den Blüten das, was das Bild leicht in der Schwebe hält.

Auch die Ausstellung von 1909 trug einen Titel, der auf das Wasser zielt: „Les Nymphéas, série de paysages d'eau“, also Wasserlandschaften. Das Museum führt das Bild unter „Water Lilies“, französisch Nymphéas, deutsch Seerosen.

Ausschnitt mit blauer Wasserfläche, in der sich nach Angabe des Museums Bäume und Wolken spiegeln.
Ausschnitt mit blauer Wasserfläche, in der sich nach Angabe des Museums Bäume und Wolken spiegeln.

Aufbau einer Oberfläche

Untersuchungen des Art Institute of Chicago geben Einblick in Monets Arbeitsweise. Das Bild ist auf Leinen gemalt, das eine helle Grundierung in zwei Schichten trägt (Bleiweiß, Kalziumsulfat, Kreide). Eine Unterzeichnung fand sich weder in der Infrarotreflektografie noch unter dem Mikroskop; Monet arbeitete demnach unmittelbar in Farbe. Der Katalog nennt zehn Pigmente: Bleiweiß, Cadmiumgelb, Chromgelb, Zinnober, Rotlack, Viridian, Malachit, Kobaltblau, Ultramarin und Kobaltviolett. Aufgetragen wurde die Farbe mit flachen Pinseln von etwa 1,0 und 1,5 cm Breite; grobe Pinselhaare blieben in der Farbe haften.

In der oberen rechten Ecke liegen bis zu neun Farbschichten übereinander, von unten nach oben Grün, Blau, Grün, Violett, Gelb, Weiß, Grün, Violett und Blau. Das Röntgenbild verrät Änderungen: Die dichtere Gruppe unten links war zunächst größer angelegt und wurde teilweise von blauem Wasser überdeckt, und eine gelbe Blüte liegt über einem übermalten Blatt.

Ausschnitt der dichten Seerosengruppe unten links, die laut Röntgenaufnahme zunächst größer angelegt war.
Ausschnitt der dichten Seerosengruppe unten links, die laut Röntgenaufnahme zunächst größer angelegt war.

Monate der Arbeit, eine Reihe, eine Signatur

Monet arbeitete monatelang an dem Bild, verschob Gruppen und übermalte Schichten; stellenweise liegen acht bis neun Schichten übereinander. Gedacht war es nicht als Einzelbild. In der Ausstellung bei Durand-Ruel in Paris, die vom 6. Mai bis 5. Juni 1909 dauerte, zeigte Monet fast 50 Bilder desselben Motivs, ohne Einzeltitel. Das Chicagoer Bild hing dort als Nummer 15, „Série 1906“. Die Ausstellung war zuvor zweimal verschoben worden; nach seiner Reise nach Venedig Ende 1908 erklärte Monet die Bilder für fertig. Die Schau wurde ein Erfolg und um eine Woche verlängert. Ausstellungen in London und Berlin lehnte Monet ab.

Die Signatur mit der Jahreszahl 1906 sitzt in rötlichem Braun auf bereits trockener Farbe. Wann Monet das Bild signierte, geht aus den Quellen nicht hervor.

Ausschnitt unten rechts: die rotbraune Signatur „Claude Monet 1906“ auf blauem Wasser.
Ausschnitt unten rechts: die rotbraune Signatur „Claude Monet 1906“ auf blauem Wasser.

Von Paris nach Chicago

Im Juni 1909 verkaufte Monet das Bild an die Galerien Durand-Ruel (drei Viertel) und Bernheim-Jeune (ein Viertel). Im April 1911 befand es sich bei Durand-Ruel in New York; 1911 und 1912 war es in einer Wanderausstellung in Saint Louis, Chicago und Cincinnati zu sehen. Im Februar 1914 erwarb es der Chicagoer Sammler Martin A. Ryerson, der 1932 starb. 1933 gelangte es als Vermächtnis an das Art Institute of Chicago.

Seither wurde es unter anderem 1957 im Art Institute, 1995 in einer Monet-Retrospektive, 1998 und 1999 in Boston und London, 1999 im Pariser Musée de l'Orangerie und 2008 im Kimbell Art Museum gezeigt. Heute ist das Gemälde unlackiert und in gutem Zustand. Der Rahmen entstand 2008 als Nachbau eines französischen Rahmens des späten 19. Jahrhunderts.

Quellen
  • Art Institute of Chicago, Katalog „Monet Paintings and Drawings at the Art Institute of Chicago“, Cat. 44 (Seerosen 1906) und Cat. 37 (Water Lily Pond 1900)
  • Art Institute of Chicago, Objektseite artic.edu/artworks/16568/water-lilies
  • Art Institute of Chicago, Objektseite des Werks von 1917-19 (Objekt 97933) und Katalogdaten zu 1933.441
  • National Gallery of Victoria, Timeline 1893 und Essay „Monet's water wars“
  • Fondation Claude Monet Giverny
  • Musée des impressionnismes Giverny
  • The Met, Objekt 29.100.113 (Brücke)
  • Museum of Fine Arts, Houston (MFAH), zur Ausstellung 1909
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