Madame X: Ein Porträt, ein Träger und ein Skandal
John Singer Sargent wollte 1884 mit dem Bildnis der Virginie Gautreau im Pariser Salon Aufsehen erregen und erntete nach Angabe des Museums mehr Spott als Lob. Der Text folgt dem Bild vom Salon über die Farbschichten bis in das Metropolitan Museum of Art.

- Künstler
- John Singer Sargent (1856-1925)
- Titel
- Madame X (Virginie Amélie Avegno Gautreau); früher auch Madame Pierre Gautreau
- Datierung
- 1883-84
- Technik
- Öl auf Leinwand
- Maße
- 208,6 x 109,9 cm
- Sammlung
- The Metropolitan Museum of Art, New York, Arthur Hoppock Hearn Fund, 1916, Inv.-Nr. 16.53
Ein Wagnis ohne Auftrag
Virginie Amélie Avegno Gautreau (1859-1915) wurde in Louisiana geboren und heiratete einen französischen Bankier. Das Metropolitan Museum beschreibt sie als eine in Paris für ihr kunstvolles Äußeres bekannte Frau. 1883 überzeugte der aufsteigende Star der Pariser Kunstwelt sie, ihm Modell zu stehen. Einen Auftrag gab es nicht: Sargent, 1856 in Florenz geboren und 1925 in London gestorben, wollte ein Meisterwerk für den Salon schaffen und hoffte nach Angabe des Museums auf Ruhm und Aufträge. Das Met bemerkt, dass er sich trotz seines Lebens im Ausland als Amerikaner verstand.
Eine Briefnotiz vom Sommer 1883, die Elizabeth Block in ihrer Studie anführt, lässt vermuten, dass die Dargestellte anfangs angetan war. Ob das auch für die Fertigstellung gilt, ist daraus nicht zu schließen. Das Porträt entstand in den Jahren 1883-84; die Frau steht im Profil, in einem schwarzen Kleid, eine Hand liegt auf einem kleinen Tisch.

Salon 1884: Spott statt Lob
Im Salon von 1884 hing das Bild unter dem Titel "Portrait de Mme ***". Ihren Namen nannte Sargent nicht; nach Angabe des Museums erkannte trotzdem jeder, dass es Virginie Gautreau war. Die Reaktion fiel überwiegend ablehnend aus. Das Met nennt den von der Schulter rutschenden rechten, juwelenbesetzten Träger als Mittel, ihren kühnen Stil zu betonen. Zeitgenossen empfanden ihn als unschicklich.
Der Kritiker William Sharp schrieb im Art Journal sinngemäß, das Fleisch gleiche eher dem eines Toten als dem eines Lebenden. Judith Gautier sah im Teint nach einer Besprechung vom 1. Mai 1884 Heliotrop, das in Rosa getaucht ist, und Paul Arène meinte am 1. Juni 1884 sinngemäß, das Haar sei gefärbt und das Fleisch geschminkt.
Gautreau und ihre Mutter baten Sargent, das Bild zurückzuziehen. Er lehnte ab; er habe sie nur so gemalt, wie sie aussah (sinngemäß). Das Met bezeichnet das Geschehen als Aufruhr. Dass dieser Sargents Entscheidung beeinflusst haben könnte, nach London zu ziehen, wo er den Rest seines Lebens blieb, sagt das Museum ausdrücklich nur vorsichtig.

Der Träger wird übermalt
Am Ende des Salons übermalte Sargent den Träger und behielt das Bild in seinem Atelier. Mehr als zwanzig Jahre zeigte er es nicht öffentlich. Wann genau er den Träger änderte, nennen die Quellen nicht. Ein Foto der Salonfassung, aufgenommen von Sargents Schwester, zeigt den rechten Träger über die Schulter gefallen. Ein Atelierfoto von 1885 ist die früheste Spur der späteren Änderung: Dort sitzt er höher.
Warum Sargent den Träger hochsetzte, belegen die Quellen nicht. Der Bildtext der Vorlagen stellt es als offene Frage, ob aus Einsicht oder aus Trotz. Ein Wort Sargents zum Bild überliefert das Met für 1916: Er halte es vermutlich für das Beste, was er gemacht habe.
Haut und Schwarz
Schon vor der Arbeit beschrieb Sargent die Haut der Gautreau in einem Brief an Vernon Lee vom 10. Februar 1883 als lavendel- oder löschpapierfarben. Der Überlieferung nach färbte sie ihr Haar mit Henna und puderte sich mit Kaliumchlorat. Die Malerin Marie Bashkirtseff bemerkte nach Block sinngemäß, die Frau male sich Ohren rosa und Haar mahagonirot.
Die Untersuchungen des Met zeigen, wie Sargent das umsetzte. Zinnober setzte er sparsam ein, etwa bei Auge, Nasenlöchern, Lippen, Ohr, Mieder und rechtem Arm. Für Brust und linken Arm nutzte er einen durchsichtigen roten Lack, was den Ton zarter und natürlicher macht. Das zweiteilige Kleid aus Satin und Samt enthält überraschend viel dunkles, durchscheinendes Viridian, ein grünes Pigment.

Unter der Oberfläche
Erst 1995 machten Röntgenaufnahmen und Infrarot-Reflektografie mehrere Änderungen sichtbar. Die Röntgenaufnahme des Kopfes zeigt zahlreiche Korrekturen am Profil und eine deutliche Verschiebung des Ohres; auch die Arme saßen zunächst anders.
Besucher des Ateliers nannten die Farben des Bildes "Blau, Grün, Weiß und Schwarz". Sargent selbst schrieb sinngemäß, er habe über den düsteren Hintergrund einen hellen Rosaton gesetzt. Am Ende wählte er den neutraleren Ton, den man heute sieht. Er übermalte zu einem Zeitpunkt, als das Bild schon gerahmt war; deshalb ist die ursprüngliche Hintergrundfarbe am Bildrand noch zu erkennen. Die Röntgenfluoreszenz kartiert, wo Cerulean, Viridian, Erdfarben, Knochenschwarz und Zinnober liegen.

Ein Name wird zum Buchstaben
Erst ab 1905 zeigte Sargent das Bild wieder, zunächst in der Carfax Gallery in London, dann 1908 in London, 1909 in Berlin und 1911 in Rom; später schickte er es zur Panama-Pacific International Exposition nach San Francisco. 1915 starb Virginie Gautreau. Am 8. Januar 1916 bot Sargent das Bild Edward Robinson an. Sechs Tage nach Eingang des Briefes stimmte das Komitee zu. Sargent bat, das Bild wegen des früheren Streits nicht mit ihrem Namen zu bezeichnen.
Seither führt das Museum es als Madame X; der Name steht in Klammern dahinter. Der Ankauf wurde 1916 in der Presse aufgegriffen, unter anderem im "New York Herald". Die Kuratorin Stephanie Herdrich sagt sinngemäß im Audioguide, der Skandal habe damit zu tun gehabt, wie Sargent sie malte, aber auch damit, wer sie in Paris war.

- The Met, From the Archives: How Madame X Came to the Met (metmuseum.org/perspectives/how-madame-x-came-to-the-met)
- The Met, Objektseite 16.53 (metmuseum.org/art/collection/search/12127)
- The Met, Revealing Madame X, D. Mahon und S. A. Centeno, 2020 (metmuseum.org/essays/revealing-madame-x)
- Elizabeth L. Block, Virginie Amélie Avegno Gautreau: Living Statue, Nineteenth-Century Art Worldwide 17 (2018)
- Wikipedia, Portrait of Madame X (Nebenbeleg)