Zwei Jahre Punkte: Seurats Sonntag auf La Grande Jatte
Georges Seurat arbeitete rund zwei Jahre an einem Sonntag am Ufer der Seine, bevor er das Bild aus Punkten reiner Farbe 1886 in Paris zeigte. Der Text folgt dem Weg von den ersten Zeichnungen über die Methode bis in das Museum nach Chicago.

- Künstler
- Georges Seurat (1859-1891)
- Titel
- Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte (Art Institute of Chicago: "A Sunday on La Grande Jatte - 1884")
- Datierung
- 1884-86, gemalter Rand 1888-89
- Technik
- Öl auf Leinwand
- Maße
- 207,5 x 308,1 cm
- Sammlung
- Art Institute of Chicago, Helen Birch Bartlett Memorial Collection, Inv.-Nr. 1926.224
Eine Insel in der Seine
Das Gemälde zeigt Menschen jeden Alters und aus verschiedenen Schichten, die einen Sonntag am Ufer einer Insel in der Seine westlich von Paris verbringen. Das Art Institute of Chicago führt es unter dem Titel "A Sunday on La Grande Jatte - 1884"; die Jahreszahl gehört nach Angabe des Museums zum Titel. Im Deutschen ist die Fassung "Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" gebräuchlich.
Seurat wählte nach den Quellen des Museums eine Insel nahe seinem Atelier in Clichy. Bevor Menschen ins Bild kamen, zeichnete er den Ort selbst. Bäume, Ufer, Tiefe und Licht hielt er in Conté-Kreide fest, zunächst ohne jede Figur. Das Art Institute datiert diese Vorarbeit auf das Jahr 1883; für den Beginn der Arbeit am Gemälde nennt das Seurat-Archiv des Museums den Mai 1884.

Studien und Skizzen
Auf die Zeichnungen folgten kleine Ölskizzen. Eine davon, auf Holz gemalt und gut 15 mal 24 Zentimeter groß, zählt nach Angabe des Museums zu mehr als zwanzig gemalten Studien. Die Figuren auf dieser Skizze weichen vom fertigen Bild ab, die Gruppe rechts wurde später ersetzt. Die Museumsbeschreibung nennt als Beispiel ein Trio, das durch einen Mann mit Zylinder und eine Frau mit Affe ersetzt wurde.
Wie viele Studien insgesamt entstanden, geben die Museumsquellen unterschiedlich an. Genannt werden mehr als siebzig Studien in Öl und Conté; das Seurat-Archiv des Museums zählt dagegen etwa 28 Zeichnungen, 28 Tafeln und drei größere Leinwände. Übereinstimmend beschreiben die Quellen eine Vorbereitung von etwa zwei Jahren.

Punkte reiner Farbe
Die letzte große Studie, die sich im Metropolitan Museum of Art in New York befindet (51.112.6), misst gut einen Meter und zeigt bereits die ganze Szene. Seurat setzt hier noch keine Punkte, sondern fleckige Striche, meist diagonal gekreuzt. Die Farben liegen unvermischt nebeneinander; das Auge des Betrachters soll sie mischen.
Im Herbst 1885 nahm Seurat das große Gemälde nach Angabe des Art Institute noch einmal vor. Das Seurat-Archiv beschreibt eine zweite Phase ab Oktober 1885 mit Tupfern, Strichen und geschwungenen Umrissen, nachdem die Ausstellung des Salon des Indépendants im März 1885 abgesagt worden war. Über die vorhandene Malschicht setzte er kleine Punkte reiner Farbe. Auf der Palette blieben nach den Angaben von ColourLex fast nur Spektralfarben, Schwarz kam kaum vor. Das Museum nennt außerdem, dass Seurat bei dieser Überarbeitung die Silhouetten verstärkte und Figuren ergänzte.
Als Hintergrund der Methode verweist das Seurat-Archiv auf die Farbtheorie von M.-E. Chevreul, nach der sich Komplementärfarben nebeneinander verstärken, und auf Delacroix, Pissarro, Renoir und Monet als Vorgänger der geteilten Farbe. Für das Verfahren kursieren mehrere Namen. Kritiker nannten es pointillistisch; nach Angabe des Met bevorzugte Seurat den Begriff Divisionismus. Die Richtung, die das Bild 1886 auslöste, hieß Neoimpressionismus.

Figuren am Ufer
Nach Angabe des Art Institute wollte Seurat moderne Menschen in ihren wesentlichen Zügen zeigen, die sich bewegen wie auf einem Fries. Zu sehen sind unter anderem eine Frau mit einem Affen an der Leine, ein Mann mit Zylinder, eine Frau mit Angel, ein Mädchen in Weiß, ein Mann im Hemd mit Pfeife, ein Trompeter und in der Ferne Ruderboote und Segel. Nach Angabe des Museums wurden der Affe und der Zeitungsmann, der kaum zu erkennen ist, erst später ergänzt. Das Museum bemerkt außerdem, dass die Figuren wirken, als vermieden sie den Blick der anderen.
Manche Deutungen sind umstritten und als solche zu lesen. Der Affe an der Leine wird gelegentlich als Anspielung gedeutet (französisch singesse, im Slang eine Bezeichnung für Prostituierte), die Angel als Hinweis auf käufliche Liebe. Andere halten das für eine moderne Erfindung; auch französische Kritiker sahen es teils so. Gesichert ist dagegen, dass Seurat 1884 einen Affen und eine angelnde Frau in Conté-Kreide zeichnete. Ob diese Blätter Studien gerade für die Figuren im Gemälde sind, behaupten die Quellen nicht.

Mai 1886: Debüt, Rand und nachgedunkeltes Gelb
Im Mai 1886 hing das Bild auf der achten und letzten Impressionisten-Ausstellung in Paris, wohin Camille Pissarro Seurat eingeladen hatte. Nach dem Seurat-Archiv erhielt er dort gemeinsam mit Lucien Pissarro und Paul Signac einen eigenen Raum. Die Kritik beachtete das Bild nach Angabe des Museums wenig, manche fanden es spottenswert; junge Schriftsteller verteidigten es.
Zwei Jahre später war Seurat noch nicht fertig. Um 1888 bis 1889 ergänzte er einen Rand aus blauen, orangen und roten Punkten. Dazu nahm er die Leinwand nach den Angaben des Museums vom Keilrahmen, klappte die umgeschlagenen Ränder aus und grundierte sie mit Bleiweiß; der Rand liegt auf dieser neuen Grundierung.
Ein Gelb im sonnenbeschienenen Gras hat sich verändert. Nach ColourLex handelt es sich um Zinkgelb, das Seurat ab Oktober 1885 verwendete und das an vielen Stellen braun geworden ist; die Veränderung wurde dem Vernehmen nach schon 1892 bemerkt. Chromgelb ist nach den dort zusammengefassten Analysen nicht die Ursache. Ein Team des Art Institute und des Rochester Institute of Technology hat die ursprüngliche Farbwirkung laut ColourLex am Computer als Simulation rekonstruiert.

Vom Atelier nach Chicago
Die erste Veröffentlichung zum Bild ist ein Buch von Jules Christophe aus dem Jahr 1890. Seurat starb 1891 im Alter von 31 Jahren. Danach war das Gemälde nach Angabe des Seurat-Archivs etwa drei Jahrzehnte kaum zu sehen. Zum Weg ins Museum gibt es zwei Angaben: Das Seurat-Archiv nennt einen Kauf durch Frederic Clay Bartlett im Jahr 1924 und eine Leihgabe an das Art Institute; die Objektdaten des Museums führen das Bild als Schenkung von Frederic Clay und Helen Birch Bartlett im Jahr 1926. Es gehört zur Helen Birch Bartlett Memorial Collection.
- Art Institute of Chicago, Objektseite und Objektdaten 1926.224 (artic.edu/artworks/27992)
- Art Institute of Chicago, Five Artists Along the Seine (artic.edu/highlights/58)
- Art Institute of Chicago, Caillebotte and Seurat (artic.edu/articles/826)
- Art Institute of Chicago, An Extraordinary Sunday (artic.edu/articles/807)
- Art Institute of Chicago, La Grande Jatte, Frame by Frame (artic.edu/articles/969)
- Art Institute of Chicago, Seurat-Archiv (archive.artic.edu/seurat)
- The Met, Study für La Grande Jatte, 51.112.6, und Essay Georges Seurat and Neo-Impressionism
- ColourLex, Georges Seurat, A Sunday on La Grande Jatte, und Zinc yellow
- Casadio u. a., Analytical and Bioanalytical Chemistry 399 (2011)