Vermeers Sträßchen: Häuser in Delft und ihr Ort im Register
Vermeer malte um 1658 keine Bildnisse und keine Interieurs, sondern gewöhnliche Häuser an einer Straße in Delft; das Rijksmuseum nennt das Bild ungewöhnlich in seinem Werk. Ein Register von 1667 verriet 2015, wo die Häuser standen.

- Künstler
- Johannes Vermeer
- Titel
- Das Sträßchen (Museumstitel: View of Houses in Delft, Known as 'The Little Street'; niederländisch: Gezicht op huizen in Delft, bekend als 'Het straatje')
- Datierung
- um 1658
- Technik
- Öl auf Leinwand
- Maße
- 54,3 x 44 cm (Höhe x Breite)
- Sammlung
- Rijksmuseum, Amsterdam, Inventarnummer SK-A-2860; Geschenk von H.W.A. Deterding, London, 1921
Häuser statt Menschen
Um 1658 malte Johannes Vermeer eine Straße in Delft: die Fassaden einiger Häuser, einen Durchgang, ein paar Menschen. Das Gemälde ist in Öl auf Leinwand ausgeführt und misst 54,3 cm in der Höhe und 44 cm in der Breite. Das Rijksmuseum, das es unter der Inventarnummer SK-A-2860 verwahrt, bezeichnet es als ungewöhnlich in Vermeers Werk und für seine Zeit als bemerkenswert, weil es gewöhnliche Häuser wie in einem Porträt zeigt.
Nach der Beschreibung des Museums zeigt das Bild in einem Durchgang eine Frau, die sich über einen Waschzuber beugt, in der Tür des rechten Hauses eine Frau mit Handarbeit und auf der Stufe vor dem Haus zwei spielende Kinder. Das Museum beschreibt die Komposition als ausgewogen; Ziegelwände, Kalk und Risse wirken beinahe greifbar.

Ein Register von 1667
Wo genau in Delft Vermeer das Bild malte, blieb lange offen. Am 19. November 2015 machte Frans Grijzenhout von der Universität Amsterdam bekannt, dass das Register zum Kadegeld von 1667 den Ort verrät. Die Häuser standen demnach in der Vlamingstraat 40-42; diese Adresse nennt auch das Rijksmuseum.
Das Register gibt Breiten an: Nach CODART waren die Häuser je rund 630 cm breit, die Durchgänge je rund 120 cm. Die Genauigkeit dieser Registerangaben liegt bei etwa 15 cm; sie bezieht sich auf Breiten und Durchgänge, nicht auf die Ortsbestimmung selbst. Die heutigen Gebäude stammen aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.

Tante, Mutter und Schwester
Im rechten Haus lebte nach dem Rijksmuseum Vermeers Tante Ariaentgen Claes, etwa von 1645 bis 1670. Laut CODART war sie die Halbschwester von Vermeers Vater, verwitwet, lebte vom Verkauf von Kutteln und hatte fünf Kinder. Vermeers Mutter und Schwester wohnten diagonal gegenüber.
Ob die Frau in der Tür des Gemäldes die Tante darstellt, sagt keine der Quellen. Nach der Geschichte des Rijksmuseums sind die Figuren nicht eindeutig identifizierbar; das Museum deutet die Szene als eine wohl zeitlose Alltagsszene. Vermeer hatte nach derselben Erzählung elf Kinder, aber die spielenden Kinder im Sträßchen sind nach dem Museum die einzigen Kinder in seinen bekannten Werken. Warum er sonst keine malte, nennen die Quellen nicht.

Wie eine Mauer entsteht
Nach der Rijksmuseum-Geschichte legte Vermeer zuerst eine rotbraune Farbschicht an. Darauf setzte er unregelmäßige Striche in mehreren Rot- und Brauntönen und graue und weiße Striche für den Mörtel. Die Malweise beschreibt das Museum als locker und fließend: Statt jeden Ziegel einzeln zu umreißen, gab Vermeer die Wirkung des Sonnenlichts auf der verwitterten Wand wieder.
Dieselbe Geschichte nennt eine Veränderung: Vermeer habe neben dem Torpfosten des rechten Durchgangs eine sitzende Frau übermalt, deren Umrisse mit bloßem Auge zu erkennen seien, und zwar vermutlich um Tiefe zu erzeugen. Ob diese Spur auf einem Foto oder an den hier gezeigten Ausschnitten sichtbar ist, wurde nicht geprüft.

Durchgang, Ranken und Signatur
Der Durchgang auf der rechten Seite hieß Penspoort, nach CODART auch Kuttelgasse genannt, und ist nach dieser Quelle das einzige Element, das heute noch so aussieht wie im Gemälde. Über den Fenstern des linken Hauses wachsen Ranken. Die Rijksmuseum-Geschichte erwägt, sie könnten Hingabe an Heim und Familie bedeuten, oder sie seien einfach gewachsen. Die Fensterläden sind grün, einer ist rot.
Das Bild trägt die Signatur I VMeer. Das I steht für Johannes, V und M sind verbunden. Nach der Rijksmuseum-Geschichte steht die Signatur unter den Fenstern des linken Hauses; die Objektseite des Museums selbst nennt dazu keinen Ort.

Titel und Weg des Bildes
Der Museumstitel lautet View of Houses in Delft, Known as 'The Little Street', niederländisch Gezicht op huizen in Delft, bekend als 'Het straatje'. Im Auktionskatalog von 1696 steht dagegen The Little House. Im Katalog standen nach dem Rijksmuseum mindestens drei Stadtbilder Vermeers; das zweite war eine Ansicht von Delft, das dritte ist unbekannt. Der deutsche Titel Das Sträßchen ist eine wörtliche Übersetzung, kein etablierter deutscher Titel.
Nach der Provenienz des Rijksmuseums gehörte das Bild früh zu Van Ruijven und de Knuijt, dann Tochter Magdalena und Jacob Dissius. 1696 wurde es in Amsterdam verkauft. Danach besaß es Gerrit Willem van Oosten de Bruyn in Haarlem; nach dem Verkauf durch seine Witwe 1800 gelangte es an Pieter van Winter in Amsterdam, später an die Familie Six. Bei einem Verkauf 1921 blieb es unverkauft. Henry W.A. Deterding erwarb es und schenkte es 1921 dem Rijksmuseum.
Die Häuser in der Vlamingstraat wurden im 19. Jahrhundert ersetzt. Unter dem Titel Het straatje van Vermeer ontdekt! lief im Rijksmuseum eine Ausstellung bis zum 13. März 2016; danach folgte das Museum Prinsenhof Delft.
- Rijksmuseum, Objektseite SK-A-2860 (rijksmuseum.nl/en/collection/SK-A-2860)
- Rijksmuseum, Story zum Sträßchen auf Google Arts & Culture (nur als Abrufzusammenfassung gelesen)
- CODART, "Exact location of Vermeer's The Little Street discovered" (codart.nl)
- Universität Amsterdam (UvA), Meldung vom 19.11.2015
- Bildnachweis: Johannes Vermeer, Das Sträßchen, um 1658, Rijksmuseum, Amsterdam, SK-A-2860 (Ausschnitte des Gemäldes)