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Schwertlilien in Saint-Rémy: Das Blau, das Violett war

Vincent van Gogh malt die Schwertlilien 1889 nach der Natur im Garten der Heilanstalt. In seinen Briefen spricht er von violetten Blüten; das Getty Museum hat untersucht, warum sie heute blau erscheinen.

Schwertlilien im goldenen Rahmen
Künstler
Vincent van Gogh
Titel
Schwertlilien
Datierung
1889, Saint-Rémy-de-Provence
Technik
Öl auf Leinwand
Maße
71 x 93 cm
Sammlung
J. Paul Getty Museum, Inv. 90.PA.20

Der Garten der Heilanstalt

Dem Jahr 1889 geht ein Einschnitt voraus: Im Dezember 1888 bricht Vincent van Gogh in Arles zusammen. Im Mai 1889 ist er in Saint-Rémy, wo er in die Heilanstalt eintritt. Kurz danach, nach Angabe des Getty ungefähr eine Woche nach seinem Eintritt, malt er im Garten der Anstalt die Schwertlilien. Das Bild entsteht nach der Natur: ein Gemälde in Öl auf Leinwand, 71 x 93 cm groß, heute im J. Paul Getty Museum, Inventarnummer 90.PA.20.

Aus derselben Zeit stammt eine Zeichnung, die den Ort von innen zeigt. Van Gogh fertigt im September 1889 einen Korridor in der Anstalt in Pinsel und Öl über Kreide auf rosa Papier an; die Zeichnung befindet sich im Metropolitan Museum of Art in New York. Zu sehen sind ein gewölbter Gang mit rotem Boden und eine kleine gehende Figur. Die Zeichnung gehört nicht zu den Schwertlilien, zeigt aber den Ort, an dem sie in diesem Jahr entstanden.

Van Gogh, Korridor in der Anstalt, September 1889: gewölbter Gang mit rotem Boden und einer kleinen gehenden Figur (Ausschnitt).
Van Gogh, Korridor in der Anstalt, September 1889: gewölbter Gang mit rotem Boden und einer kleinen gehenden Figur (Ausschnitt).

Angeschnittene Blüten, geschwungene Linien

Die Komposition lässt kaum Raum für Erde und Himmel. Die Blüten überlaufen die Ränder des Bildes und werden von ihnen angeschnitten, große Flächen leuchtender Farbe stehen unvermittelt nebeneinander. Das Getty führt diese Eigenschaften vermutlich auf japanische Farbholzschnitte zurück, die Van Gogh schon vor seiner Zeit in Saint-Rémy sammelte.

Der Farbauftrag ist nach der Beschreibung des Museums ein dickes Impasto mit unverwechselbar geschwungenen Linien. Die langen Blätter durchziehen das Bild in Bögen. Im Jahr 1889 entstehen nach Angabe des Getty fast 130 Gemälde; die Schwertlilien gelten dem Museum als das erste Bild einer bedeutenden Schaffensphase.

Ausschnitt: dicht gedrängte blaue Blüten oben rechts, die über den Bildrand hinauslaufen.
Ausschnitt: dicht gedrängte blaue Blüten oben rechts, die über den Bildrand hinauslaufen.

Violett, aus Blau und Rot gemischt

Heute sind die Schwertlilien blau. Van Gogh aber schreibt seinem Bruder Theo kurz nach Beginn der Arbeit von „violetten Schwertlilien“ und sinngemäß davon, dass seine Arbeitskraft bald zurückkehren werde. Violett mischte er aus Blau und Rot. Das Wort Violett steht also im Brief, nicht im heutigen Eindruck des Bildes; der Widerspruch zwischen Briefaussage und Augenschein ist der Ausgangspunkt der Untersuchung des Getty.

Das Getty fand bei seinen Untersuchungen Hinweise auf Geranienlack, ein rotes, sehr lichtempfindliches Pigment. Es verblasste nach den Befunden schon früh in der Geschichte des Bildes durch Licht stark. Weil das Rot fehlt, wirken die Blüten heute blau. Der Ausschnitt rechts oben zeigt Blüten, die aus vielen kurzen Strichen in Blau, Violett und Schwarzblau aufgebaut sind; diese Beobachtung am Bild stammt nicht vom Museum.

Dass die Farbwirkung eines Bildes sich im Lauf der Zeit verschiebt, ist im Fall der Schwertlilien also nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern der Materialien. Die Rotanteile, die Van Gogh dem Blau beimischte, haben sich verändert; das heutige Blau ist das, was von der Mischung übrig blieb. Wie genau die Blüten zur Entstehungszeit aussahen, lässt sich nur wahrscheinlich, nicht sicher angeben.

Ausschnitt rechts oben: Blüten aus vielen kurzen Strichen in Blau, Violett und Schwarzblau.
Ausschnitt rechts oben: Blüten aus vielen kurzen Strichen in Blau, Violett und Schwarzblau.

Salon, Labor, Ausstellung

Noch 1889 reicht Theo das Bild beim Salon des Indépendants in Paris ein.

Während der Schließung des Museums wird das Bild im Labor untersucht. Aus den Ergebnissen entwickeln die Forschenden eine digitale Rekonstruktion der wahrscheinlichen ursprünglichen Erscheinung. Das Getty zeigte die Befunde vom 1. Oktober 2024 bis 19. Januar 2025 in der Ausstellung „Ultra-Violet: New Light on Van Gogh's Irises“.

Eine weiße Blüte

Zwischen den blauen Blüten steht links eine weiße Schwertlilie. Sie ist im überwiegend blauen und grünen Gefüge deutlich zu erkennen. Die Beschreibung bleibt eine Beobachtung am Bild; eine Deutung des Museums liegt in den herangezogenen Quellen nicht vor.

Am oberen Rand liegt außerdem ein Feld aus orangegelben Blüten zwischen Grün. Das Violett und Blau der Schwertlilien steht damit in unmittelbarer Nachbarschaft zu warmen Gelb- und Orangetönen; auch das ist eine Beobachtung, keine Museumsaussage.

Ausschnitt links: eine weiße Schwertlilie zwischen blauen Blüten.
Ausschnitt links: eine weiße Schwertlilie zwischen blauen Blüten.

Blätter, Boden, Signatur

Die Blätter sind lang und spitz und in Blaugrün und Gelbgrün gemalt; sie schneiden sich über das Bild hinweg. Unten links liegt roter Boden, aus kurzen Strichen in Rostrot und Braun gesetzt. In der unteren rechten Ecke steht die Signatur „Vincent“.

Alle diese Angaben sind Beobachtungen am Bild; nur das Format von 71 x 93 cm und die Inventarnummer 90.PA.20 stammen vom Museum.

Die Beschreibung folgt damit bewusst zwei Ebenen: dem, was das Museum und die Briefe festhalten, und dem, was der Blick am Bild selbst findet. So lässt sich das Gemälde sowohl als Dokument eines Jahres lesen, in dem nach Angabe des Getty fast 130 Gemälde entstehen, als auch als Gegenstand genauer Betrachtung: dicker Farbauftrag, kurze Striche und weit ausholende Linien stehen nebeneinander.

Ausschnitt: lange, spitze Blätter in Blaugrün und Gelbgrün, die sich kreuzen.
Ausschnitt: lange, spitze Blätter in Blaugrün und Gelbgrün, die sich kreuzen.
Quellen
  • Getty Blog, „Rare Opportunity to Study Van Gogh's Irises“ (blogs.getty.edu/iris/rare-opportunity-to-study-van-goghs-irises)
  • Getty News, „Getty Investigates Color Change of Van Gogh's Irises“ (getty.edu/news/getty-investigates-color-change-of-van-goghs-irises)
  • Getty, CDWA-Beispieleintrag Irises (Format, Salon des Indépendants 1889)
  • Smithsonian Magazine (nur zum Beginn am 9. Mai 1889)
  • Van Gogh, Korridor in der Anstalt, September 1889, The Metropolitan Museum of Art, 48.190.2 (Objekt 336327)
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